POETRY SLAM & STAND UP – GLAUBT IHR DIESE MYTHEN?
- 1. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
„Ach, so traurige Gedichte sind das?“, hört man so oder so ähnlich immer wieder, wenn man Menschen erzählt, dass man bei Poetry Slams auftritt. Es ist wie bei so vielen Lebensbereichen: Wenn man nicht drinsteckt, hat man vermutlich irgendein halbes Bild von der Sache. Deswegen räumen wir hier mit den drei größten Klischees über Poetry Slam und Stand Up Comedy auf.
I »Poetry Slam ist ein TEXTGENRE.«
Der absolute Top-Trugschluss, der meistens in wilden Auftrittsanfragen wie „Schreibst du uns einen Poetry Slam“ endet. Mehreres ist hier falsch: Poetry Slams sind ein Wettbewerbsformat, also eine Art von Kleinkunstveranstaltung. Ein Poetry Slam ist also kein Textgenre und die Frage „schreibst du einen Poetry Slam?“ sitzt in etwas so, als würde man einen Hersteller von Fußbällen fragen „Hey, nähst du mir eine Bundesliga zusammen?“. 1
Natürlich kann man sich denken, wo die Idee vom klassischen Slam-Text herkommt. Diverse virale Videos zeigen gereimte Texte, zu meist ernsten Themen, die sich rhythmisch und in der Intensität der Performance, den Atmern, den Pausen, den Gesten, durchaus ähneln. Besucht man eine Slam- Veranstaltung, stößt man jedoch auf deutlich mehr: Neben Lyrik (die selbst auch ganz anders daher kommen kann, als vorherig beschrieben) gibt es Kurzgeschichten, Prosa, Reden, Rap, Beatboxing und vieles mehr. Alles was ein Text ist, darf auch auf die Bühne – sofern selbstgeschrieben.
Also: Was ist ein Poetry Slam? Eine Art von Literaturveranstaltung mit sportlichem Wettbewerb! Und wie nennt man das, was da vorgetragen wird? Im Zweifel: N´ Text!
II»Die Leute treten auf, um zu GEWINNEN!«
Jain… Natürlich ist ein Poetry Slam ein Wettbewerb. Und natürlich freut man sich, wenn man gewinnt. In der Regel (außer man ist grade bei einer Landes- oder sogar internationalen Meister*innenschaft) ist der Wettbewerb aber tatsächlich eher ein Reiz des Formats als der Kern der Sache. Literarisches Freundschaftsspiel, kein Krisen-Derby.2
Der Wettbewerb ist in erster Linie für euch: Für das Publikum. Gemeinsames Beraten, wer welchen Text wie fand, die Auseinandersetzung mit der Jury-Wertung und das Mitfiebern mit den eigenen Favorit*innen sind ein großer Teil der Gesamtdramaturgie eines solchen Abends und das macht extra doll Spaß – und zurrt das Event, rund um die teils völlig unterschiedlichen Performances, zusammen.
III»Beim Stand Up wird EINFACH LOCKER erzählt.«
Fatale Annahme! Kaum eine Performance ist so filigran, durchgeprobt und hingehandwerkt, wie ein guter Stand Up-Auftritt. Ich erblasse jedes Mal vor Ehrfurcht, wenn Menschen mir erzählen, wie sie Material schreiben, Test-Aufführen (sgn. Try Outs), sich der Reaktion des Publikums aussetzen, den Auftritt vielleicht sogar filmen und dann nachgucken, ihr Material umbauen, kürzen und in Details bis hin zu Atempausen, oder dem Einsatz bestimmter Buchstaben verfeinern und wieder und wieder aufführen, bis eine fertige Nummer dabei rauskommt. Comedy ist Handwerk, Handwerk, Handwerk. Und die Lockerheit, die ihr seht – die ist Teil des Acts!
IV»Lustige Stories HAB‘ ICH AUCH auf Lager«
Mit Sicherheit, Jürgen! Aber guck nochmal genau Punkt 3 an und versuche den Unterschied zwischen Schenkelklopfer-auf-der-Firmenweihnachtsfeier-Zünden und Comedy herauszukristallisieren. Auch Beobachtungs-Comedy („Kennt ihr das, wenn…“) ist unfassbar destilliert, verfeinert und ausgearbeitet. Oder wie es mir die fantastische Anna Bartling mal in einem Interview erzählt hat: „Ich habe losgeschrieben vor meinem ersten Auftritt und dachte, ich hätte mindestens 10 Minuten Material. Dann habe ich es aufgeführt, habe danach alles gekürzt, was nicht angekommen ist, oder zu lang war und habe gemerkt: Ich habe drei Minuten Material!“
Und zum Abschluss noch ein Klischee für beide:
V»Wer NICHT FAME ist, macht das Ganze nicht professionell oder gut genug«
Menschen vergessen immer wieder, dass Jobs auch einfach Jobs sind. Natürlich ist es ungewöhnlicher, wenn man vor Publikum arbeitet, aber am Ende hat jede Kunstszene, egal ob bildend, musizierend oder darstellend vor allem eins: Einen ziemlich breiten Mittelstand. Menschen, die mit ihren Gagen und Auftritten auf ein solides durchschnittliches Einkommen kommen und dann so von ihrer Kunst leben. Keine Stadiontouren, sondern Poetry Slams und Comedyshows in Kulturscheunen und Kellerkneipen. Das reicht und: So weit muss man erst mal kommen! Wer es geschafft hat, von Kunst leben zu können, hat sich schon so unendlich weit vorgearbeitet, wie man es von außen kaum begreifen kann.
Jetzt anzunehmen, dass es solchen Menschen an Fähigkeiten, Kreativität oder Begabung für den großen Durchbruch fehle, wäre ungefähr so, als würde man allen Musiker*innen das Talent absprechen, die keine Popstars sind. Und unter uns: Die Atmosphäre in einem Comedyclub finde ich persönlich hundert Mal interessanter als das Grundrauschen einer Stadionmenge. 3
1) Das ist die erste Fußballmetapher meines
27-jährigen Lebens. Ich hoffe, ihr freut euch.
2) Oh Himmel, was passiert mit mir?
3) Nimm das, Fußball!
KOLJA FACH (*1998) steht nicht nur als Slammer und Satiriker auf den Bühnen des Landes - als Journalist bewegt er sich immer zwischen Hochkultur, Underground, Politik und dem sozialen Leben. So arbeitet er als Redakteur bei Bremen Next und Bremen Zwei sowie freiberuflich für verschiedene Projekte.





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